Die meiste Zeit fühlte ich mich allerdings wie in den Ferien, da mir die Familie viel Zeit zur Erholung gab.
In der Gemeinde gibt es viele Leute, die gerne Mami und Papi für mich spielen wollen und sich rührend um mich kümmern, sodass ich mich hier schnell eingelebt habe.
Alles was meine Arbeit anbelangt bespreche ich mit meinem Tutor Armand Schluchter, da er elsässische Wurzeln spricht er sogar ein bisschen deutsch. Armand ist jemand der im Vergleich zu den andern Leuten hier auffällt, er ist stämmig, wenigstens 1,9 groß, hat graue gekräuselte Haare und einen Vollbart, ist Mitte 50 und hat eine bretonische Frau und 4 Kinder, die ihm wiederum schon 6 Enkelkinder geschenkt haben. Mit ihm kann man sehr gut auskommen, er bemüht sich alles so gut wie möglich zu machen aber er ist ziemlich verplant, sodass er immer in Verspätung ist und gerne auch mal was vergisst.
Der zweite Pfarrer hier hießt Thierry Azemard, ist Mitte 40, hat spanische Wurzeln (was man allerdings niemals an seinem Temperament ablesen könnte), hat 4 Söhne und eine Frau. Er ist das was man sich unter einen super sunny boy vorstellt: blonde gegelte Haare, sonnen gebräunt das Hemd leicht geöffnet, sodass man das Goldkettchen mit Kreuz durch seine Brustbehaarung blitzen sieht. Eigentlich ist er für den Bereich der Kinder- und Jugendarbeit zuständig aber da er ja so „fürchterlich viel“ zu tun hat und deshalb arg sehr zu bedauern ist, (er hat eine solch große Familie um die er sich kümmern muss) delegiert er die Aufgaben die anstehen lieber weiter als sie selbst zu erledigen. So kümmert sich eine studiert Theologin um die ecole biblique und Samuel (ein Jugendlicher hier aus der Gemeinde) um die groupe de jeunes, so bleiben nur noch zwei Gruppen um die er sich einmal im Monat kümmern muss, die Konfis, und die Christenlehre für die Kinder die noch nicht zur Schule gehen.
An seine evangelikale Ader habe ich bis jetzt noch nicht so recht gewöhnt. (Bsp. im letzten Gottesdienst stand er mit geschlossen Augen und erhobenen Händen um Gott mit seinen Christ-Pop-Schlagern zu loben, dazu ließ er dann alle Kinder dazu im Kreis tanzen.)
Die Gemeinde hier in Mazamet umfasst 673 Familien und ist damit sehr überschaubar,somit kennt hier jeder jeden und ich bekomme immer erklärt wer mit wem verwandt ist, was die Leute arbeiten...
4 Familien werden sich im Laufe des Jahres besonders intensiv um mich kümmern, denn bei ihnen bin ich bis zum Ende des Jahres einmal in der Woche zum Essen eingeladen..
Montagabend esse ich immer mit einer Familie, die 2 Töchter hat, eine davon beendet dieses Jahr ihr Abitur und die andere studiert in Toulouse Chemie. Die außergewöhnliche Gastfreundlichkeit und das Vertrauen, das man hier erlebt ist außerordentlich groß, so habe ich nach meinem ersten Abend in dieser Familie ihren Wohnungsschlüssel bekommen, damit ich immer wenn ich einmal kommen möchte auch in das Haus kann, um z. B.: ins Internet zu gehen, fern zusehen, Klavier zu spielen oder einfach nur um in Gesellschaft zu sein. (In Dtl. kenne ich nur wenige Leute, die ihren Wohnungsschlüssel einem Ausländer überlassen würden.)
Am Dienstag esse ich zu Mittag mit einer Familie,die drei Söhne hat (leider sind alle schon vergeben^^), mit uns isst auch eine Frau, die meiner Meinung nach Autistin ist aber so richtig weiß ich nicht was sie genau hat. Sie erinnert sich an so ziemlich alle kleinen Details aus ihrem Leben und sobald ihr zu einem Wort, das man sagt etwas einfällt plappert sie es so vor sich hin, ich hab das Gefühl, dass sie zwischen Gedanken und Gesagten keinen Unterschied macht, denn sie redet ununterbrochen.
Am Mittwoch esse ich mit Florence und Michel, eigentlich ist Florence schon in Rente aber sie ist immer und überall engagiert und hat durch ihre ganzen Ehrenämter fast noch mehr zu tun als zu ihrer Zeit, in der sie Leiterin einer Kinderkrippe war. Michel ist Leiter des Refuges und hat somit auch immer sehr viel zu tun.
Mittwochmittag ist es dann immer an der Zeit mit Armand das Essen vorzubereiten,
da er der einzige ist der sich bei der Zubereitung des Heiligstem helfen lässt. So profitiere ich davon mit ihm viele neue und gesunde Rezepte auszuprobieren (denn er und seine Frau versuchen ein bisschen Gewicht zu verlieren).
Aus dem Jahr in Armut (DJiA) wird hier also dann doch nichts, denn meine Wohnung ist äußerst komfortabel. Ich besitze einen Fernseher, ein Radio, einen Plattenspieler, eine Badewanne, ein großes Bett, eine geräumige Küche und ein Gästezimmer.







Meine Arbeit hier ist ganz erträglich und ziemlich abwechslungsreich.
So kümmere ich mich um die Ecole biblique, die kids sind echt cool und das macht echt Spaß mit ihnen zu arbeiten. Das Thema für dieses Jahr ist „reisen“ – wie ich finde ein sehr schönes Thema, denn in der Bibel ist davon oft die Rede (von Moses Auszug aus Ägypten bis zur Reise von Maria und Josef nach Nazaret usw.) (Dienstag)
Da Mazamet so wie Quedlinburg, eine Stadt mit sehr viel Alten ist, bin ich auch einmal in der Woche im Refuge (protestantisches Altenheim) und bin dort Animatrice. Da die alten Leute nicht mehr ganz so fit sind, vergnüge ich mich dort mit Sachen wie BINGO (was für ein doofes Spiel- aber den Leuten gefällt's), Töpfern, Stricken,Vorlesenachmittagen u.a.
Was das musikalische Leben der Gemeinde anbelangt ist es hier echt ziemlich trist. Es gibt einen Chor aber der besteht nur aus alten Leuten (was keine Wertung sein soll, es gibt hier auch sehr viel nette Alte) und einem Chorleiter der meiner Meinung nach absolut nicht fähig ist eien Chor zu leiten, d.h. er erzählt lieber seine Geschichten, als uns Lieder beizubringen, auch an seinen didaktischen Fähigkeit in Hinsicht auf Musik zweifele ich, wenn er dirigiert, dann bewegt er die Hände dazu aber er zeigt damit kein klaren Takte an, alles was gesungen wird ist a capella, da er nicht so gut Klavier spielen kann. Trotz allem bin ich beeindruckt, dass es den Chor hier gibt und wir trotz der schwierigen Voraussetzungen vorankommen. Hier zählt der Wille etwas zu machen und das finde ich lobenswert. (Mittwoch)
Eine der interessantesten arbeiten ist es in der epecerie social zu sein, dort verkaufen wir an bedürftige Leute Nahrungsmittel, sie brauchen allerdings nur 10% des Realpreises bezahlen. Was mich echt erschreckt hat ist, dass es in Frankreich genauso viel Bürokratie (wenn nicht sogar noch mehr) wie in Deutschland gibt, so müssen alle, die von dieser epecerie social profitieren wollen, unzählige Papiere vorweisen, damit man dann auch weiß, dass sie tatsächlich bedürftig sind.
Die Vielfalt der Leute, die dort hinkommen ist sehr spannend. Manche sind außerordentlich glücklich über die Möglichkeit günstig einzukaufen, andere beschweren sich über das spärliche Angebot. Es ist ganz verschieden, manche erzählen von ihren Familien und ihren Problemen andere interessiert nur, dass sie den nächsten Bus nach Hause noch schaffen. (Freitag)
Einmal im Monat treffen sich die Jugendlichen, um beieinander zu sein und mit einander zu essen, auch dort werde ich dabei sein. Was in Frankreich wesentlich anders ist als in Deutschland, ist die Wichtigkeit der Familie, so kommen fast alle „Kinder“ am Wochenende aus dem Studienort um mit der Familie zusammen zu sein. Davon profitiert auch die Jugend Gruppe, denn so kommen auch die Studenten, um sich auszutauschen, um sich zu treffen, um einfach nur beieinander zu sein.
Ein anderer Aspekt der Jugendarbeit hier sind die „eclaireurses et eclaireurs unionistes de France“ (protestantischen Pfadfinder), die hier guten Zulauf haben, da sie sich für alle öffnen und hier eine lange Tradition haben. Nach einer anstrengenden Schulwoche, sind die Eltern daran interessiert, dass ihre Kinder einen Ausgleich haben. (Samstag)
Jeden Sonntag heißt es dann ab in den Gottesdienst, leider bin ich hier ziemlich unzufrieden mit den Predigten der Pfarrer, Armand geschaltet seine Ausführungen immer sehr intellektuell, er verweist immer auf andere Bibeltexte und führt eine ausführliche Exegese durch aber eine praktische Botschaft für die Gemeinde ergibt sich so nur selten und wenn Thierry predigt, dann verzettelt er sich oft, wiederholt sich und letztlich läuft seine Botschaft nur darauf hin, dass Jesus uns alle liebt, aber was das konkret heißt und bedeutet erläutert er nicht.
In Deutschland hat man wenigstens die Chance die Zeit im Falle einer „schlechten“ Predigt dazu zu nutzen, um sich die Architektur oder die Bilder in der Kirche anzuschauen. Leider geht das hier nicht, da die protestantischen Gemeinden das Bilderverbot aus dem Dekalog ziemlich ernst nehmen und man so nur eine Bibel, eine Kanzel, ein Kreuz und eine Orgel wiederfindet.
Um die schöne Landschaft hier zu erkunden, gibt es einmal im Monat nach dem Gottesdienst eine Wandergruppe, mit der ich die Gipfel der montagne noir erklimmen darf.
Der Montag ist dann mein jour de repos- mein freier Tag, den ich nach einer Woche Arbeit gut brauche.
Um nicht nur mit den Leuten aus der Gemeinde zusammen zu sein, habe ich mir noch ein kleines Freizeitprogramm zusammengestellt. Ich gehe einmal in der Woche mit anderen Jugendlichen, die für ihr Abitur trainieren schwimmen, da ich gern ein typisch französisches Instrument lerne wollte, nehme ich hier Akkordeonunterricht und singe in einem zweiten Chor, der gerade an einer Messe von Drovak arbeitet, das macht wirklich Spaß (das Niveau ist in etwa mit dem des Oratorienchores zu vergleichen).
En plus gibt es hier noch eine super coole Bibliothek, ein Kino und mein Fahrrad mit dem ich ein bisschen die Umgebung erkunde. Dass ich so mutig bin und mit meinem Fahrrad am Verkehr hier teilnehme, verschafft mir immer wieder Bewunderung, da man hier egal wie nah die Dinge sind immer das Auto benutzt.
Ich hab mich wie man lesen kann hier schon ganz gut eingefunden aber trotzdem fehlen mir manchmal ein wenig meine Familie, meine Freunde, unser cooler Jugendchor, die JG, manch interessante Unterrichtsfächer, der ditfurter See, MEIN Fahrrad, Schokomüsli und Buttermilch.
3 Kommentare:
Hey jules!
schön das du dich schon so gut eingelebt hast, deine ersten eindrücke klingen echt toll =)
greetings from seattle
Hi Juliane.
Du bist echt Spitze, denn Deine geschilderten Eindrücke sind sehr gut zu verstehen als wenn man dabei gewesen wäre. Professionell.
Liebe Grüße aus dem Rheinland, Carlos
Hallo, Juliane! Schön, dass es dir gut geht. Dein Erzählen über dein jetziges Leben ist wie ein Buch. Wir haben herzlich gelacht (besonders über die Beschreibung des 2. Pfarrers und des Chorleiters).
Liebe Grüße von Christine und Hartmut aus Qeudlinburg
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