Samstag, 6. Dezember 2008

Zwischen Vertrautheit und befremdlichen Gewohnheiten

Dass ich hier nicht die einzige Deutsche bin, hat mich doch einigermaßen überrascht, allein in Mazamet kenne ich schon vier Deutsche, eine ehemalige Lehrerin, die hier Unterricht zur richtigen Aussprache der noch wirklich schweren deutschen Sprache, eine Übersetzerin, einen Lebenskünstler und eine Austauschschülerin aus Hamburg.
Die Deutschen mit denen ich jedoch den meisten Kontakt habe sind Gerhard, Pfarrer in Catres, und Gabriele, die seit 15 Jahren in Frankreich wohnen. Die französische Gestfreundlichkeit haben sie jedoch schon vollkommen übernommen; so weiß ich dass ich wann auch immer ich will zu ihnen kommen kann.
Die Chance nutzte ich um einmal wieder ein bisschen Kultur zu genießen und mir Orchester aus der spanischen Partnerstadt an zu hören, ein wahrer Ohrenschmauss.
Was die Kinder von Gabi und Gerhard meinen Ohren antaten verlangte mir höchste Konzentration ab um sie zu verstehen. Sie mischen nämlich beide Sprachen und und haben einen witzigen schwäbischen Dialekt. Dann kommen solche Sätze wie: „Das Plaka ha i aber mit Scotsch un ni mit Nägel festmacht, Mama, nei i lass es comme ca.“
Einmal die Woche gibt es Heimat hausgemacht, denn ich backe immer einmal in der Woche bei Lili und Benoit einen Deutschen Kuchen. So kann ich auch etwas dazu tun und den Franzosen unsere köstlichen Kuchen zeigen.

Etwas befremdlich aber nicht weniger lecker war das Essen mit den Pfadfindern bei unserem kleinen herbstlichen Biwak, es gab Eier, Würstchen, Käse, Schokoladenbananen aus der Glut und zu meiner Überraschung Bier Wein und Punsch. Da Pfadfinder Gottes Schöpfung bewahren wollen gibt es unter ihnen nicht wenige Bios und so wurde mir doch mit aller Deutlichkeit beigebracht, dass ich die Bananen nicht in Alufolie wickeln muss um sie ins Feuer zu legen, weil Aluminium eine rare Ressource ist und man Alupapier nicht recyceln kann.
Jetzt da ihr es auch wisst, seid ihr genauso dazu verpflichtet so wenig wie möglich Alumiumpapier zu verwenden.
Da Pfadfinder sein nicht nur bedeutet eine Cabane zu bauen, essen und Feuer zu machen, die Umwelt zu schonen sondern auch tolle Lieder und spiele mit einander zu teilen. Bescherte wir denen die erst später zu unserem kleinem spirituellen Ruhestand (wir haben das WE so genannt, damit ich frei bekomme) dazu stießen ein Geländespiel. Dazu hingen wir Warnwesten und Warndreiecke in die Bäume. Die Aufgabe der anderen Gruppe war es Pilze mit zu sammeln, da sie sich in diesem Jahr allerdings gut versteckt hatten, sollten sie den Zeichen folgen. Als sie dann bei uns ankamen waren wir alle als Pilze verkleidet, mit großen Brottüten und Schaumstoffmatten auf dem Kopf begrüßten wir sie mit einem eigens komponierten Lied, das von den Warnwesten und -dreiecken und den Champinions berichtete.
In dem Moment dachte ich dass unser Leben oft wie ein Geländespiel ist um uns nicht zu verirren brauchen wir weitsichtbare Wegweiser, die uns leiten, das einzige was wirklich schade ist, dass wir am Ende kein großes Fest mit unseren Freunden feiern werden, oder vielleicht doch wer weiß?!

Die letzte Ettappe müssen hier viele alte jedoch allein gehen, wenn sie nicht mehr fit genug sind kommen sie in die Chevaliere (Altenheim), dort liegen sie dann bis zu ihrem Lebensende völlig abhängig herum in ihren Rollstühlen oder Betten. Viele bekomme nur selten Besuch und sind sehr müde. Als mir das Ende des Leben so offensichtlich präsentiert wurde, verstand ich das erstemal wirklich warum so viele Leute angst davor haben alt zu sein.
Wenn ich meine kleinen niedlichen Omis im Refuge immer mal wieder höre wie sie mir sagen: „Ach wäre ich doch nur nur einmal 20 Jahre alt!“, wird mir immer wieder klar das man mit all dem was man macht im Leben im Reinen sein sollte, denn ich möchte mir später einmal nicht sagen müssen ,“Ach hätte ich doch damals nur gewagt.“
Eins steht für mich fest wenn ich einmal alt bin möchte ich auf keinen Fall in einem Altenheim wieder der Chevalere enden sondern lieber in einem Refuge, denn dort ist es wirklich nett, die Residentes bekommen oft Besuch von alten Freunden ihrer Familie, haben nette geduldige Schwestern um sich, viele kreative und gesellige Animationen und einen wirklich fähigen Koch.

Dass das Essen hier eine wirklich wichtiger Bestandteil ist habe ich schon berichtet, dass man aber selbst im Krankenhaus zum Mittag ein Menu mit Pommes-Frites und Wein bekommt hat mich doch verwundert.
Damit alle vom Mittag profitieren nicht nur die Hospitalisierten gibt es hier im Südwesten jedem Tag eine Mittagspause von 12:00 -14:00. Da der Sonntag hier ein nicht allzu streng geschützter Feiertag wie in Deutschland gibt es viele Läden, die am Sonntag geöffnet haben. Par contre haben alle Läden am Montag geschlossen.

Eine Sache, die in Frankreich besonders ist ist, der Nationalstolz: hier stört sich keiner daran eine Fahne in den Eingang vom städtischen Krankenhaus oder der Grundschule zu hängen im Gegenteil es gehört dazu stolz zu sein auf sein Land. Dass sie den Algerienkrieg verloren haben, weil sie ,als Besatzer nicht abziehen wollten, erwähnt allerdings nie jemand.
Man feiert hier lieber den 11. November. Es ist hier nicht wie bei uns der Beginn der Narrenzeit, hier ist es das Gedenken an die gefallenen Soldaten des ersten Weltkrieges und man feiert hier den Sieg gegen die Deutschen. Ich bin damit nicht einverstanden das zu feiern mit Phanppharen und Aufmärschen, denn die Konditionen die nach dem ersten Weltkrieg ausgehandelt wurden waren so schlecht, dass sie mit als Ursache für den 2. Weltkrieg genannt werden können.
So hatte ich eine seltsame Diskussion mit einem der Pfadfinder, er meinte wir Deutschen haben jetzt das Glück zu wissen das man auch kollektive Fehler begehen kann und dass wir jetzt wissen , dass man Verantwortung übernehmen muss vor allem für sich aber auch für andere.
Hier hingegen sind alle so stolz auf sich dass sie manchmal vergessen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Das Gegenteil dazu sind hier die Pfadfinder die ein Leben in vollem Engagement führen, denn als Ecclereur sollte man Vorbild für die Jüngeren sein, so wie es ihr Versprechen vorgibt.
Im Gegensatz zu diesem Versprechen steht immer noch das Versprechen, dass das Internet bei mir ankommen wird. Es ist verrückt das leben ohne Internet ist wirklich etwas anderes ich habe das Gefühl hier somit ein bisschen hinter dem Mond zu wohnen aber eins habe ich dadurch schon einmal gelernt geduldig zu sein.

Meine momentane Situation ist nicht gerade so komfortabel, denn meine Heizung ist en panne und ich habe kein warmes Wasser mehr. Zum Glück hat sich jemand aus der Gemeinde erbarmt und mich bei sich einquartiert bis meine Heizung wieder funktionieren wird. So lernt man die 19°C Zimmertemperatur schätzen, denn bei mir waren letztlich nur noch 11,3°C und selbst mit Wärmeflasche und dicker Decke war mir noch kalt. Das was ich jetzt hoffe ist, dass es nicht so lange dauern wird das Problem zu beheben wie die Sache mit meinem Internetanschluss.
On vera (Wir werden sehen)!
Wenn auch ihr sehen wollt, dann kommt doch einfach einmal vorbei. Eine Sache, die ich schon übernommen habe ist die Gastfreundlichkeit. Also ich habe immer ein Zimmer frei bei mir, in dem ich gerne Freunde oder Verwandte aufnehme. Nutzt die Chance! Hier kann man einen schönen Urlaub verbringen.
Einmal wollte mich auch eine andere Freiwillige besuchen es war schon alles abgesprochen wir hatten uns schon sehr auf einen netten Moment gefreut bis wir erfuhren, dass sie nicht das recht hat ihr Departement mit dem Auto zu verlassen. Oftmals gibt es hier viele administrative Hürden, die es zu überwinden gilt. Dafür muss man sich durch die Tiefen der Bürokratie durch kämpfen erschwerend hinzu kommt hier der Zentralismus der alle Dinge bestimmt.

Das heißt, dass alle Dinge die wichtig sind ihre Repräsentanten in Paris haben da Paris hier wirklich das Herz der Nation ist. Da wir Freiwilligen uns gerne einmal treffen wollten nutzten wir den französischen Zentralismus aus und organisierten uns selbst ein nettes Wochenende zusammen in Paris. Um 20:00 unter dem Eiffelturm hatten wir uns verabredet. Nachdem ich aus meinem Zug von Toulouse nach Paris ausstieg, hatte ich beschlossen die Strecke vom Gare d'Austerlitzt hatte ich beschlossen die Strecke bis zum tour d'eiffel zu laufen. Leider hatte ich mich was die Entfernungen anbelangt etwas verschätzt, mein Irrtum bescherte mir einen 2-stündigen Spaziergang mit all meinem Gepäck durch Paris bei Nacht. Trotz der Hektik und der gewissen Kälte der Pariser fühlte ich mich schnell wohl in der STADT Frankreichs, en plus hatte ich das Gefühl mich ein bisschen auszukennen und fühlte mich ein bisschen zu Hause in dieser riesen Stadt, denn es ist schon das 4 mal dass ich in Paris besucht habe.

Die anderen Freiwilligen wieder zutreffen ist immer eine Freude, wir kennen uns jetzt schon fast seit einem Jahr und zu manchen sind schon Freunde für mich geworden.
Ein bisschen weniger hektisch aber genauso schön war unser erste Zusammentreffen in Bordeaux organisiert vom Annee Diaconale. Die Treffen wie dieses haben den Vorteil, dass wir die Reisekosten, die Unterkunft und Verpflegung bezahlt bekommen, andererseits muss man an dem geplant Programm teilnehmen, ob man es mag oder auch nicht.
Da unsere Organisation Freiwilligendienste schon seit langer Zeit organisiert, wissen sie was wir mögen und so bestand unser Programm vor allem daraus Bordeaux zu besichtigen und die größte Wanderdüne, die Düne von Pila zu erklimmen und einen nette Nachmittag am Atlantik zu verbringen. Trotzdem kam die thematische Arbeit, die die Reflexion über unseren Dienst beinhaltete nicht zu kurz.

Glücklicherweise gibt es hier in der Gemeinde fast jedes Wochenende irgendeine Aktivität. Das entschädigt mich dann ein bisschen dafür , dass ich sonst oft allein bin. Ein regionales Jugendtreffen gab es auch schon. Man darf sich darunter aber nicht solch ein großes Event vorstellen wie die Jugendcamps von der KPS und LKT in Volkenroda. Denn hier Protestant zu sein ist wirkliche etwas besonderes, denn in ganz Frankreich gibt es nur 3% Protestanten. So waren auf diesem Jugendtreffen auch nur 40 Jugendliche und es gab somit eine sehr familiäre Stimmung. Wenn man eine Minderheit darstellt heißt es dass man sich gut unter einander kennt und gut zusammenhält- das ist durchaus ein sehr positiver Aspekt.

Da Frankreich ein laizistischer Staat ist,, gibt es weder Religionsunterricht in der Schule noch Kirchensteuern oder sonstige Zugeständnisse an die Kirche. So darf man zum Beispiel auch keine Personen, die im Krankenhaus fragen welcher Religion sie angehören. Denn ihre Religionszugehörigkeit ist ihre privateste Privatangelegenheit. Für mich ist das ein bisschen befremdlich. Als ich vor einiger Zeit mit Armand in der Chevaliere (Altenheim)zu einem Gottesdienst war, wurde mir das noch einmal deutliche, denn der Raum für unseren Culte war ein Polyvalentraum. Die alten Leute positionierten sich auf schon etwas vergilbten alten Plastik Gartenstühlen vor dem Provisorischen Altar (ein kleiner Beistelltisch mit einer angeschmutzten alten Tischdecke) und in einer Ecke entdeckte ich dann in einem zerfläderten Umzugskarton ein Kruzifix verdeckt von Plastikblumen und anderen unnützen Dingen.

Diese Minderheitssituation verstärkt hier einerseits den interreligiösen und interkonfessionellen Dialog andererseits grenzt sich die Protestantische Kirche in vielen Dingen von ihren katholischen Geschwistern ab. So gibt es hier zum Beisiel keinen Altar dafür aber ein Kommunionstisch, anstatt der reich geschmückten Kirchen mit Bildern gibt es bei den Protestanten weiße Wände wahlweise mit Bibelversen oder auch ganz in weiß, da sie sich an das Bilderverbot sehr streng halten, der Gottesdienst heißt hier Culte statt Messe und der Gottesdienstort temple statt eglise etc.
Zusammen feiern hier einmal im Monat die Protestanten die Katholiken und die Leute von der Heilsarmee einen ökumenischen Gottesdienst und teilen unter einander die Gottesdienste in den Altenheimen.


Im allgemeinen habe ich das Gefühl, dass hier Solidarität mehr gelebt wird als in Deutschland. So gibt es zum Beispiel jedes Jahr eine riesige Kollekte für die Epecerien social (alle Leute die ihren Wochenendeinkauf machen werden gebeten Lebensmittel für die Bank allimentaire zu kaufen und sie dann zu spenden), so gab es allein in Mazamet 2t gespendete Lebensmittel.
Auch wenn hier gestreikt wird stört das die Leute nicht, sondern normalerweise haben allen dafür Verständnis und stehen hinter den Forderungen. Seitdem ich hier bin hat die SNCF schon zweimal gestreikt und mich hat das immer sehr genervt, da die Leute hier immer erst einmal Streiken und danach wird diskutiert ob man nicht doch noch einmal verhandeln könnte.

Die Versammlungs- Diskussionskultur anders als in Deutschland. Wenn es hier eine große Versammlung gibt isst man vorher erst einmal, gut gestärkt diskutiert man dann über alles, d.h. Hier diskutieren alles über alles hier wollen alle gerne ihre Meinung abgeben, denn hier arbeitet man eher weniger in Gruppen sondern diskutiert alles im Plenum. Diese Tatsache verkompliziert und verlängert die Versammlungen enorm und macht wie ich finde unglaublich müde. Die letzte Versammlung der ich beiwohnt war ein wenig karikativ wir fingen die Reunion um 19:00 aßen 1 ½ h miteinander dann wurde darüber diskutiert wie man darüber diskutieren kann wie man 2 fehlende Pfarrstellen in der Region komprimieren kann. Witzig für mich war, dass man nicht direkt über das Thema sondern nur über die Facon stritt wie man Reflexionen zu diesem Thema anstellen könne. Nach 2 h Diskussion war aber noch längst nichts entschieden. Es gab letztlich 3 Vorschläge nun ging es allerdings weiter darüber zu debattieren wer an der Abstimmung teilnehmen dürfe und wie schwer eine Stimme eines Pfarrers und wie schwer eine Stimme eines Gemeindekirchenratvorsitzenden wiege. Die Diskussion endet damit das der Versammlungsvorsitzende resigniert ein warf zu dem nächsten Tagesordnungspunkt über zu gehen. Darauf antwortet einer das er dagegen votiere- und er kam mit seinem Votum da gegen an. Nach 2 ½ h Diskussion konnten sie sich dann also doch einigen.
Das ist gelebte Demokratie. Ich jedenfalls hab mich köstlich darüber amüsiert.

2 Kommentare:

Die Anne hat gesagt…

naja dann versuchen wir doch mal auf den aluminfolienverbrauch zu achten...wobei gerade im verschwenderischen Amerika könnte das ein wenig schwierig werden...=)

LomLukas hat gesagt…

hey jule, erstmal liebe grüße.
also schön, dass dir das pfadfindern so viel spass macht.
ich bin heute von meinem 2. seminar wiedergekommen und als ich deinen bericht über die diskosionen gelesen habe, da habe ich sofort ans seminar und unsere diskosionen gedacht, weil es da ähnlich zu geht^^
glg luks